Arbeitsgemeinschaft AIDS-Prävention NRW

HIV und Aids in NRW

In Nordrhein-Westfalen waren im Jahr 2020 nach Schätzungen des Robert Koch-Institutes (RKI) 440 Neuinfektionen zu verzeichnen. Dies sind etwa 55 Infektionen weniger als im Jahr 2019. Ca. 350 Personen sind Männer (Veränderung zu 2019: -65), etwa 85 Personen Frauen (Veränderung zu 2019: +10).

Rund 250 Personen haben sich über mann-männlichen Sex infiziert (Veränderung zu 2019: -60). Etwa 110 Personen haben sich über heterosexuelle Kontakte infiziert (Veränderung zu 2019: +5). Rund 75 Personen haben sich über i.v. Drogengebrauch infiziert (Veränderung zu 2019: -5).

Am Ende des Jahres 2020 lebten rund 21.100 (Schwankungsbreite: 19.800 - 22.800) Menschen mit HIV oder Aids in NRW. Etwa 17.200 sind männlich, etwa 4.080 weiblich. Der Anteil der Menschen mit HIV, die von ihrer Infektion wussten, betrug 90 Prozent (2019: 87 Prozent). Der Anteil der Menschen mit HIV, die von ihrer Infektion wussten und eine antiretrovirale Therapie erhielten, stieg von 96 Prozent (2019) auf 97 Prozent (2020).

HIV-Erstdiagnosen wurden in NRW im Jahr 2020 schätzungsweise 630 (Veränderung zu 2019: -50) gestellt, etwa 230 davon erst bei fortgeschrittenem Immundefekt (Veränderung zu 2019: +10). Von den 230 Personen wiesen 130 bereits Aids-definierende Erkrankungen auf (Veränderung zu 2019: +20). 2020 gab es etwa 100 Todesfälle bei HIV-Infizierten.


HIV und Corona

Im Jahr 2020 haben sich durch die SARS-CoV-2-Pandemie bundesweit die Rahmenbedingungen für Sexualkontakte und für HIV-Testungen massiv verändert. Die Modellierung ist nicht in der Lage, zwischen einer Verminderung der Zahl von Neuinfektionen durch Einschränkung von Sexualkontakten und einer Verminderung von Neudiagnosen durch verminderte Inanspruchnahme von Routinekontrolluntersuchungen zu unterscheiden.


Hinweise und Empfehlungen

Das RKI weist darauf hin, dass ein Teil des Rückgangs der Neuinfektionen wahrscheinlich zum Teil Ergebnis von Pandemie-bedingten Verhaltensänderungen wie einer Verminderung von Sozial- und damit auch Sexualkontakten. Es ist nicht davon auszugehen, dass diese Verhaltensänderungen sich über die Pandemie hinaus fortsetzen werden. Es wäre daher nicht überraschend, wenn die Zahl der HIV-Neuinfektionen nach der Pandemie wieder anstei-
gen würde.

Der Anteil der Menschen mit HIV, die eine wirksame antiretrovirale Behandlung erhalten und in der Regel nicht mehr infektiös sind, nimmt zu. Die vergleichsweise positivere Entwicklung bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), ist wahrscheinlich in erster Linie darauf zurückzuführen, dass es in dieser Gruppe gelungen ist, die Testbereitschaft zu steigern und die Testangebote auszuweiten. Außerdem wirkt sich die Empfehlung zu einem sofortigen Behandlungsbeginn positiv aus.

  • Die Empfehlung, Kondome zu benutzen bleibt nach wie vor ein Grundpfeiler der HIV-/STI-Prävention. Eingegangene Risiken sollten zeitnah durch einen HIV- oder STI-Test abgeklärt werden. Die Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung von intravenös Drogenkonsumierenden mit sterilen Injektionsutensilien wäre wahrscheinlich die kosteneffektivste Maßnahme zur Verhinderung von HIV- (und auch Hepatitis-) Neuinfektionen in dieser Personengruppe.
  • Mit der HIV-PrEP steht ein zusätzliches und wirksames Instrument zur Verhinderung von HIV-Neuinfektionen zur Verfügung. Für eine nachhaltige Reduktion von Neuinfektionen bei MSM mit Hilfe der PrEP müsste eine aktivere Ansprache und Identifizierung von Personen erfolgen, die von einer PrEP profitieren könnten.
  • Die Analysen zu HIV-Neudiagnosen bei MSM legen nahe, dass es in den Großstädten mit über 500.000 Einwohner*innen durch verbesserte Testangebote und erhöhte Testbereitschaft gelungen ist, nicht nur die Zahl der frischen HIV-Diagnosen, sondern auch die Zahl der Spätdiagnosen zu reduzieren.
  • Das Testangebote und die Testbereitschaft sind in den letzten beiden Jahren durch die COVID-19-Pandemie eher negativ beeinflusst worden. Durch eine Ausweitung und aktivere Bewerbung von HIV-Einsende- und HIV-Selbsttests könnte dem entgegengewirkt werden. Einsende- und Selbsttests könnten auch helfen, die Testlücken in ländlichen Regionen und Städten mit weniger als 500.000 Einwohner*innen zu verkleinern.
  • Niedergelassene Ärzt*innen sollten Tests auf HIV und andere STI entsprechend der Leitlinien anbieten, bei Symptomatik, die auf HIV zurückführbar sein könnte, aktiv einen HIV-Test empfehlen, und dem aktiv geäußerten Wunsch auf HIV-Testung nach Möglichkeit entsprechen. Relevant sind hier die Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften und die „Empfehlung der Landeskommission AIDS (NRW) zur Verbesserung der Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten sowie zur Erleichterung des Zugangs zu STI-Untersuchungen bei entsprechenden Anlässen“.
  • Zwar ist für die überwiegende Mehrzahl der in Deutschland lebenden Menschen mit HIV der Zugang zu einer HIV-Behandlung kein wesentliches Problem, für Menschen ohne Papiere und für einzelne Personen aus anderen Ländern der Europäischen Union ohne gültige Krankenversicherung gibt es aber keinen geordneten Zugang zu einer angemessenen HIV-Behandlung. Aus individualmedizinischer und aus Public-Health-Sicht sollten alle in  Deutschland lebenden Menschen mit HIV die Möglichkeit eines Zugangs zu einer Behandlung erhalten.


Mehr lesen Sie in den RKI-Eckdaten für NRW 2020. Die Eckdaten für Deutschland und die anderen Bundesländer finden Sie unter rki.de. Ausführliche Details zur Situation in Deutschland und Nordrhein-Westfalen im Jahr 2020 finden Sie im Epidemiologischen Bulletin 47/2021 des Robert Koch-Institutes.

Eine Pressemeldung der Deutschen Aidshilfe zum Thema finden Sie unter presseportal.de.